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Rostock - Die Rostocker Aalschlange am Rathaus

Sassnitz, Mecklenburg-Vorpommern

Die Sagenwelt am Königsstuhl auf Rügen

Sassnitz ist ein guter Ausgangspunkt für die Erwanderung des sagenreichen Nationalparks Jasmund. Die zweitgrößte Stadt Rügens (Stadtrecht seit 1957) erwuchs im Jahre 1906 aus dem Fischerdorf Sassnitz und dem Bauerndorf Krampas. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jh. gehörte der Ort zum meistbesuchten Seebad Rügens mit internationalem Publikum. Der Steinstrand von Sassnitz musste aber stets mit Sand aufgefüllt werden. So liefen dann die Ostseebäder Binz, Sellin, Baabe und Göhren mit ihren natürlichen Sandstränden ab dem Ende des 19. Jh. bis heute Sassnitz den Rang ab. Die Fischerei und seit 1986 der Fährhafen Mukran für den Handel nach Skandinavien und in Richtung Russland dominieren die Wirtschaft der Stadt.

Seit 1929 stehen bereits die Kreidefelsenküste und der Wald der Stubnitz unter Naturschutz. 1990 wurde der Nationalpark Jasmund geschaffen. Hier gelten strenge Regeln des Naturschutzes. Das Auto sollte man an den auf Autokarten markierten Parkplätzen (z. B. in Hagen) abstellen und den Buspendelverkehr nutzen oder einfach wandern. Auch von Sassnitz aus fahren regelmäßig Busse zum Reiseziel Nummer eins, dem Königsstuhl. Von April bis Oktober kann man Schiffe für die Fahrt entlang der Kreideküste nutzen.

Der Stuhl der Könige

Zwischen Königsstuhl und Sassnitz befindet sich die oft gemalte (so von dem Romantiker Caspar David Friedrich) und fotografierte Kreideküste Rügens. Es ist das höchste weißeste und wohl schönste Meeresufer Deutschlands (Königsstuhl mit 117 m). Die Rügener Kreideküste ist eine etwa 70 Millionen Jahre alte Meeresablagerung mit vielen Feuersteinen am Strand. In der Nähe liegt der mit 161 m größte Berg Rügens – der Piekberg. Der Touristenmagnet Jasmund ist durch seine ungewöhnliche Natur und die Besiedlung seit Jahrtausenden besonders sagenumwoben.

Bekanntester Kreidefelsen ist der Königsstuhl als Felsvorsprung in der „Großen Stubbenkammer“. In „alten (vorchristlichen) Zeiten“ soll hier auf einem künstlichen Königstuhl aus Erde dem Herrscher von Rügen gehuldigt worden sein. Hier wurden auch die Könige gewählt, die zuvor als Mutbeweis den Kreidefelsen von der Seeseite erklimmen mussten. In neueren Zeiten soll die Klettertour nur dem schwedischen König Karl XII. (1682 – 1718) im Jah-re 1715 geglückt sein, der dann oben frühstückte und seine Seeschlacht gegen die Dänen beobachtet haben soll.

Jungfrauen-Erlöser am Waschstein gesucht

Zu Füßen des Königsstuhls liegt der Waschstein – ein etwa 60 Tonnen schwerer eiszeitlicher Findling aus Skandinavien. Auf diesem flachen Stein im Ostseewasser erscheint alle sieben Jahre bei Tagesanbruch zu Johannis (24. Juni) eine verwunschene Jungfrau, die ein blutdurchtränktes Tuch im Meer wäscht. Es heißt, Störtebeker hat dieses Fräulein aus Riga einst in einer nahen Höhle mit seinen Schätzen eingeschlossen. Er selbst konnte nicht zu ihr zurückkehren, da er 1401 in Hamburg mit 711 Spießgesellen hingerichtet wurde. Wer sie an diesem einen Tag mit „Gott helf, schöne Jungfrau!“ begrüßt, hat sie erlöst und dem zeigt sie ihre verborgenen Schätze.

Eine schlechte Wahl

In der großen Stubbenkammer, einer kammerartigen Einbuchtung der Kreidefelswand, in deren Mitte der Königsstuhl als Fels steht („Stubben“ ist ein Baumstumpf), soll sich eine Höhle mit einer schwarz gekleideten Frau befinden, die dort früher einen goldenen Becher bewachte. Ein zum Tode Verurteilter soll einst in die heiße Höhle geschickt worden sein, um den wertvollen Becher zu holen. Da er nicht die verwunschene Frau inmitten von Flammen, sondern den Becher in der Höhle wählte, blieb sie auf ewig in ihrem Gefängnis im Kreidefelsen.

Als der Mann die Höhle mit dem Becher verließ, verschwand die auf dem Felsen wachende weiße Taube und wurde durch einen schwarzen Raben abgelöst. Über die lauten Klageschreie waren die draußen wartenden Männer so entsetzt, dass sie den Goldbecher als Buße in die nur wenige Kilometer westlich liegende Kirche nach Bobbin trugen, wo er noch heute sein soll. Tatsächlich wird dort heute noch ein Kelch aufbewahrt, wohl aber aus einer späteren Zeit.

Reizvoller Vollmond am Hertha-See

Nur einige hundert Meter westlich des Königsstuhls liegt der stimmungsvoll vom Wald eingerahmte Hertha-See. Er ist zwei Hektar groß und 11 m tief. Vor knapp zweitausend Jahren ist er durch Felseinstürze entstanden. Von ihrer nahegelegenen Burg soll die heidnische Göttin Hertha jährlich mehrmals in ihrem von zwei Kühen gezogenen Wagen zum Baden gefahren sein. Die Sklaven, die sie beim Baden mit ungeweihten Augen sahen, wurden anschließend ertränkt. Daher, so die Sagen des 19. Jahrhunderts, gäbe es auch kaum Beschreibungen von Hertha.

Nachts bei Vollmond soll oft eine schöne Frau mit Gefolge im See baden. Beobachtet man sie, kann man vom See verschlungen werden. Anfang des 17. Jahrhunderts reiste der Danziger Philip Klüver auf die Insel Rügen. See und Burgwall fand er so beschrieben, wie der Römer Tacitus einst den germanischen Kult um die Göttin Hertha beschrieb. Und so folgerte Klüver in seinem Buch „Germania antiqua“ (1616), dass die Kultstätte der germanischen Hertha genau hier läge. Spätere Geschichtsschreiber übernahmen diese These als Feststellung in ihre Bücher. So ist nun die nicht nachweisbare germanische Hertha-Kultstätte am – wie wir heute wissen – slawischen Burgwall angesiedelt worden.

Alte Burg mit frischer Buche

Nur wenige Meter nordöstlich des Hertha-Sees befindet sich eine slawische Burganlage mit über hundert Meter langem Rundwall. Hier soll der Tempel der Göttin Hertha gestanden haben. Von hier aus startete sie besonders zur Erntezeit ihre Rügen-Rundreisen, nach denen sie stets badete.

Dicht bei der Hertha-Burg steht die bereits nachgepflanzte Hertha-Buche. Daneben der verrottende Baumstamm des Vorgängers. Der Baum soll über das Rauschen der Blätter für Voraussagen der Hertha-Priester genutzt worden sein. Da Buchen nur bis etwa 300 Jahre alt werden, darf man hierbei eine Touristenattraktion des 19. Jahrhunderts mit sich entwickelnder Germanenverehrung vermuten.

Dass die gut ausgeschilderte „germanische Opferstätte“ bei der Hertha-Burg in der Mitte des 19. Jahrhunderts als Touristenfreude inszeniert wurde, sieht man ihr heute noch an. Auf dem größeren Stein mit „Blutrinnen“ sollen die Menschen umgebracht worden sein. Die kleinere Steinschale (steinzeitlicher Mahlstein?) fing das Blut (heute in aufgefrischter roter Farbe) auf.

Ein Findling mit den »Abdrücken« von Kind und Erwachsenem in Nähe der Hertha-Burg ist als Sagenstein ausgewiesen. Es heißt, dass eine der Hertha-Dienerinnen verbotenerweise einen Adligen nächtlich im Walde liebte. Die Göttin ordnete die Steinprobe an, um die Schuldige zu finden. Als die Dienerin wie die anderen Jungfrauen auf den Stein stieg, drückten sich ihr Fuß und der eines Kindes ein. Zur Strafe stürzte der Priester die Ungehorsame vom Kreidefelsen. Hertha aber ließ die Frau unbeschadet auf das Schiff ihres Geliebten gleiten.

Text aus: Hartmut Schmied, Geister, Götter, Teufelssteine. Sagen- & Legendenführer Mecklenburg-Vorpommern 2018, 3. Auflage, Rostock 2018, Seite 161-165
Bild: Herthabuche Stubbenkammer (Postkarte, undatiert), Sammlung CRYPTONEUM Legenden-Museum Rostock