Zurück zum Petermännchen-Saal
Rostock - Die Rostocker Aalschlange am Rathaus

Putgarten (Rügen), Mecklenburg-Vorpommern

Swantewits Heiligtum auf Rügen

Swantewits Heiligtum

Auf der nördlichsten Halbinsel Rügens, Wittow, befindet sich der Burgwall von Kap Arkona. Dieser extreme geographische Punkt barg einst das Hauptheiligtum der Westslawen mit ihrem Gott Swantewit. Man fährt bis zum ausgeschilderten Parkplatz in Putgarten (slawisch: „Unterhalb der Burg“). Das Nordkap ist nach etwa 1,5 km zu Fuß, per Fahrrad oder der Arkona-Kleinbahn zu erreichen. Die beiden Leuchttürme mit Museum und Aussichtsplattformen sowie der östliche Marinepeilturm am Burgwall (gebaut 1927) sind gute Orientierungspunkte.

Einst soll der Herrgott die pommersche Küste als zu kahl empfunden haben. So klackte er mit seiner Maurerkelle noch ein bisschen aufs Festland, verlor dabei etwas Erde, aus der die Insel Rügen wurde. Die Sonne war schon fast untergegangen und zum Feierabend warf der Schöpfer nun den Rest auf die Insel – daraus entstanden die unregelmäßigen Halbinseln – so auch Wittow. Den Namen soll die Halbinsel Wittow den zeitgenössischen Geschichtsschreibern zufolge nach einer dem Heiligen Vitus im 9. Jahrhundert gewidmeten Kirche haben.

Da Rügen erst im 12. Jahrhundert von den Dänen christianisiert wurde, ist eine Ableitung vom Slawengott Swantewit wahrscheinlicher. Das slawische Wort swant bedeutet heilig, mächtig und vit kommt von vitez – der Herrscher. Danach wäre dies die Insel der mächtigen Herrscher. Nach der Zerstörung von Rethra, dem legendären Hauptheiligtum der Westslawen im heute mecklenburgischen Gebiet, im Jahre 1066 durch deutsche Ritter nahm die Bedeutung Arkonas schnell zu. Die Priester der Ranen (Westslawen, seit etwa dem 7. Jahrhundert auf Rügen) hatten bald ihren Einfluss und ihre Einkünfte im gesamten südlichen Ostseeraum.

Unmittelbar zu Füßen des Arkonaer Marinepeilturms stand die Swantewit-Holzplastik (1997) eines litauischen Künstlers. Zwei östliche Köpfe dieses viergesichtigen Hauptgottes der Ranen blickten auf die Burganlage. Dieser Abschnittswall ist einer von 18 Burgwällen der Insel Rügen. Nur die Landseite ist befestigt. Die Seeseiten sind durch über 40 m hohe Steilhänge geschützt. Heute ist durch den ständigen Landverlust nur ein Drittel der ehemaligen Anlage zu sehen. Der Sage nach soll die einst reiche See- und Handelsstadt Arkona bei einer großen Sturmflut versunken sein. Sie ruht auf dem Meeresgrunde und wartet auf ihre Erlösung. Bei gutem Wetter soll man sie vom Steilufer aus sehen können.

Das Heiligtum des Swantewit befand sich vermutlich im inzwischen abgetragenen Zentrum des Burgwalls. Hier wurde der Götze besonders zum Erntefest verehrt und mit Opfergaben beschenkt, um die nächste Ernte günstig zu gestalten. Vor Kriegszügen und Seeöreisen wurde der Gott befragt. Swantewit hatte ein eigenes Pferd im Tempel. Darauf soll er nachts gegen die Feinde zu Felde gezogen sein. Morgens stand der Schimmel oft mit Schweiß und Schmutz bedeckt im Stall, ein Beleg für den nächtlichen Ausritt.

Siebenschneiderstein

Zwei Leuchttürme wecken sofort das Interesse des Arkona-Besuchers. Der ältere und kleinere entstand nach Plänen von Karl-Friedrich Schinkel und ist heute ein Museum für Leuchtfeuer und die Baukünste Schinkels. Der neue und größere, 36 m hohe Turm leuchtet seit 1902. Von beiden hat man einen guten Überblick auf das Flächendenkmal Arkona. Etwa 500 m westlich des Schinkel-Leuchtfeuers liegt ein großer Findling. Zu ihm führt eine Treppe hinab. Sieben Schneider sollen im Schneidersitz auf ihm Platz haben. Man kann das sogar probieren, da der Stein direkt am Strand liegt.

Grabräuber-Warnung

Zur Gemeinde Putgarten gehört das Dorf Nobbin auf halber Strecke der Landstraße Altenkirchen – Putgarten. Hier liegt gut 500 m vom Ort am Steilufer-Weg der Tromper Wiek ein Großsteingrab, das als „Riesenberg“ in die Geschichte einging. Nur noch 54 Groß- steingräber von einst 236 gezählten im Jahre 1829 gibt es auf Rügen. Ein Großteil fiel Gebäudefundamenten, Gehöfteingrenzungen oder im 19. Jahrhundert dem Straßenbau als Kopfsteinpflaster zum Opfer.

Während die typischen steinzeitlichen Hünengräber nach den einzig vorstellbaren „Erbauern“ und „Nutzern“, den Riesen (Hünen), benannt wurden, handelt es sich hier um ein „Hünenbett“: eine rechteckige Steinsetzung aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. von über 30 m Länge und etwa 10 m Breite mit 34 (ursprünglich wahrscheinlich 53) Großsteinen. Gut vorstellbar, dass sich ein Riese dieses Bett gebaut hat.

Die archäologisch richtige Bezeichnung hierfür ist Großdolmen. Die zwei Grabkammern wurden für die Bestattung der Toten mit ihren Beigaben (Äxte, Pfeilspitzen, Ton- gefäße) genutzt. Für den „Stein-Bettrahmen“ ohne erkennbare Funktion darf eine rituelle Bedeutung angenommen werden. Die großen Steine der Ecken werden oft Wächtersteine genannt.

Gewiss durfte man den inneren, steinbegrenzten Raum nicht betreten. Ein vornehmer Heide soll hier mit Schätzen bestattet worden sein, die nun der Teufel bewacht. Der heilige Platz steht unter seinem Schutz. Nicht einmal pflügen darf man in der Nähe – vielleicht führt deshalb der Feldweg heute um die Anlage herum. Ein einziges Mal hätten Neu- und Geldgierige dort des Nachts gegraben, nachdem sie zuvor ein Feuer inmitten der Steine sahen. Am nächsten Morgen waren sie alle tot.

Text aus: Hartmut Schmied, Geister, Götter, Teufelssteine. Sagen- & Legendenführer Mecklenburg-Vorpommern 2018, 3. Auflage, Rostock 2018, Seite 134-138
Bild: Vierköpfiger Slawengott Swantewit am Kap Arkona, Holzplastik eines litauischen Künstlers (nach einem Sturmschaden 2013 abgebaut), Foto (Dia): Hartmut Schmied