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Rostock - Die Rostocker Aalschlange am Rathaus

Rostock, Mecklenburg-Vorpommern

Paul-Pogge-Denkmal am Rosengarten

Denkmäler von Persönlichkeiten unterliegen ständigen Bewertungen, tauchen auf, ab und unter. Das Pogge-Denkmal steht seit 1995 wieder fast am alten Standort – als Denkanstoß zur Auseinandersetzung mit unserer Kulturgeschichte.

Am 19. September 1885 „nachmittags 3 Uhr“ wurde das Denkmal für den Afrika-Forscher Paul Pogge (1838-1884) am Rostocker Rosengarten enthüllt. Schon wenige Monate nach Pogges Tod im Jahre 1884 schlug Dr. Becker, der Vorstandsmitglied des Vereins für Rostocks Altertümer, Senator und Bürgermeister Rostocks war, der Hansestadt vor, dem einstigen Rostocker Pogge am Rosengarten ein Denkmal zu errichten. Die Stadt stimmte gern zu, wusste man doch um die Verdienste Pogges bei seinen Afrikaforschungen.

Bei der Einweihung des Denkmals (Bildhauer Ludwig Brunow, Berlin) am Rosengarten im Jahre 1885 hielt der Ornithologe und Weggefährte Pogges, Alexander von Homeyer, die Rede. Nach gut 15 Jahren begann die Odyssee des Denkmals. Im Jahre 1901 wurde das Pogge-Denkmal auf den heutigen Leibnizplatz verlegt. Es musste dem Denkmal des Großherzogs Friedrich Franz III. weichen. Diesen letzten Standort kennen noch viele ältere Rostocker.

Über das „Sterben“ des Denkmals in der Nachkriegszeit gibt es mindestens ein Dutzend Legenden. Als die nach Aktenlage und Zeugenaussagen glaubwürdigste Überlieferung erscheint diese: Im Juli 1945 wurde über den Rostocker Oberbürgermeister Seitz prophylaktisch angewiesen, verschiedene Denkmäler von öffentlichen Plätzen zu entfernen und in Depots unterzubringen. Das Pogge-Denkmal gehörte dazu. Der Sockel kam in die Neptunwerft, die Büste in den Keller des städtischen Museums.

Im Sommer 1945 waren schnelle Entscheidungen gefragt. Wer Pogge war, konnte nicht lange erforscht werden. Auf der in deutscher Sprache verfassten Liste (1945/47 in Gebrauch) geächteter Rostocker Denkmäler des Städtischen Hochbauamtes für die Sowjetische Kommandantur wurde auch das Pogge-Denkmal aufgeführt. Der Dolmetscher schrieb zur Entscheidungsfindung in kyrillischen Bleistiftbuchstaben fälschlich „Poggendorf“ neben das deutsche Wort „Pogge“.

Das Pogge-Denkmal wurde Opfer einer zu flüchtigen Beschäftigung mit Geschichte. Die DDR-Geschichtsschreibung fand anerkennende Worte für das Lebenswerk Pogges – zur praktischen Umsetzung fehlten Wille und Wissen.

Die Bronzebüste wurde im Zuge von Räumungsarbeiten Anfang der 60er Jahre aus dem Keller des Museums zum Einschmelzen gebracht. Erst Anfang der 70er Jahre wurde der Granitsockel von einem Rostocker Steinmetzbetrieb zu Grabsteinen zersägt, nachdem es über zwei Jahrzehnte lang keine Verwendung für ihn gab.

Im Oktober 1995, 110 Jahre nach der Erstaufstellung, wurde das neue Denkmal in Erinnerung an den verdienstvollen Mecklenburger eingeweiht. Ermöglicht wurde dieses Geschenk an die Stadt durch das finanzielle und kulturelle Engagement der heutigen Rostocker Volks- und Raiffeisenbank (damals: Volksbank Rostock). Der Bildhauer Jo Jastram aus Kneese schuf ein in Material und Größe am Vorgänger orientiertes neues Denkmal. Den Bronze-Guss besorgte die Bronzebildgießerei Karsten Lachmann (Buchholz). Der Granit-Sockel wurde vom Rostocker Steinmetzbetrieb Kolodzeiski bearbeitet und aufgestellt.

Biographische Ergänzungen:

Paul Pogge (1838-1884) war ein Wissenschaftler und Abenteurer. Zwischen dem trockenen Humor in seinem Buch „Im Reiche des Muata Jamwo“ (Berlin 1880), dem wissenschaftlichen Anspruch seiner Reisen und einem am Ende seines Lebens von Fieber, Dyphterie, Skorbut und Lungenentzündung (Todesursache) gezeichneten Menschen bewegte sich das Spektrum seiner Mentalität.

Paul Pogge sollte nach dem Willen seiner Mutter, der Vater starb, als Paul vier Jahre alt war, Landwirt werden. Er besuchte die Realschule in Güstrow und das Gymnasium in Neubrandenburg (beides in Mecklenburg). Ein Jurastudium in Berlin und Heidelberg folgte. Er liebte das Studentenleben nicht zuerst wegen des Studierens und war für die Freizeit ein gefragter Kommilitone. Trotzdem gelang ihm der erfolgreiche Abschluss seiner Promotion. Lebenslust, Abenteurertum, Ehrgeiz und Verantwortung standen in einem wechselvollen Spiel nebeneinander.

Zunächst bewirtschaftete er sein mecklenburgisches Gut Zierstorf (bei Teterow). Eine Jagdreise nach Afrika als 27jähriger entfachte seine Leidenschaft für den Schwarzen Kontinent, die ihn fortan nicht mehr losließ. Er verkaufte sein Gut und ging auf Reisen. Auch wenn Paul Pogge nicht in das Bild des bekannten mecklenburgischen Gutsbesitzergeschlechts passt, so sind doch seine heutigen Verwandten der Großfamilie Pogge stolz auf ihn. Er ist die Kuriosität unter den Seriösen.

Im Mai 1995 wurde während des 3. Tellower Pogge-Symposiums im Thünen-Museum Tellow (bei Teterow) das Geburtshaus Paul Pogges in Zierstorf als Forschungs- und Begegnungsstätte eingeweiht. Die etwa 50 Pogge-Verwandten, die ebenfalls zu diesem Symposium kamen, erfreuten sich an Legenden über ihren berühmten Vorfahren. Auch der Bahnhof in Lalendorf wurde dabei besucht, wo Paul nach dem Verkauf seines Gutes das gesamte Geld in einem Koffer ablegte. Nach 14 Tagen Jagdausflug holte Pogge sich das Geld beim, wegen dieses Leichtsinns, erschrockenen Bahnhof-Kneiper unversehrt ab.

Erstmalig in diese Familienrunde der Pogges kam 1995 eine Frau, die über ihre Oma Pauline berichtete. Gertrud Schröders Neuigkeit schlug ein wie eine Bombe: der Junggeselle Paul Pogge hatte mindestens ein uneheliches Kind gehabt. Als Pogge 30 Jahre alt war, also nach seiner ersten afrikanischen Jagdreise, wurde ihm nachweislich die Tochter Pauline im Jahre 1868 geboren. Da Paulines Mutter Maria, zu der Paul anscheinend jahrelange Kontakte hatte, zwei weitere Töchter gebar, darf man auf weitere Überraschungen gefasst sein. Erfreulich, dass der Forscher auch sonst ein forscher Mann war. Die Verwandtschaft nahm es mit Erheiterung auf.

Welche Erkenntnisse gibt es zu seinen Reisen? Welche Seewege wurden dafür genutzt?

Gesucht wird die nach Pogge benannte afrikanische Pflanze (Encephalartus Poggei), die sich im Original oder als Fotos und Beschreibungen in einer deutschen botanischen Sammlung befinden müsste. Es ist eine Mischung aus Palme, Ananas und Rübe, wie Paul Pogge die Entdeckung fasziniert beschrieb.

Text: Hartmut Schmied für das Legenden-Museum (1999); Bild: Paul Pogge-Denkmal am Rosengarten in Rostock, Foto: Hartmut Schmied