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Rostock - Die Rostocker Aalschlange am Rathaus

Rostock, Mecklenburg-Vorpommern

Die Greifen Ros und Tock am Steintor zu Rostock

Die Greifen Ros und Tock am Steintor zu Rostock (Version für Erwachsene)

Eulen nach Athen tragen, Krokodile nach Ägypten oder Bier nach München bringen – all das scheint überflüssig, weil es vor Ort genug davon gibt. „Greife nach Rostock bringen“ macht ebenso wenig Sinn, weil die Stadt mit ihrem Wappentier baulich schon ziemlich gut gefüllt ist. Zum 800. Stadtgeburtstag entstanden zwei Versionen der Gründungslegende von Rostock – für Erwachsenen und für Kinder:

Greife leben am Ende der Welt, heißt es heute noch in Bayern. Und tatsächlich kommt man aus der Hansestadt Rostock nach Norden ohne Schiff nicht mehr weiter. Der südliche Ostseeraum ist das weltweite Hauptverbreitungsgebiet für Greife im letzten Jahrtausend. Rostock scheint zu den westlichen Grenzgebieten der bal(z)tischen Greifenpopulation zu gehören. Die meisten sagenhafte Tiere lebten im Pommerschen, wie man an den Greifenwappen vieler Städte wie Anklam, Altentreptow oder Tribsees ablesen kann.

Wenn auch die Erinnerung an Greife bis weit in die Geburtsstunden der Städte  zurückreichen, so wird doch bis in die jüngste Zeit dieser Mischwesen aus Adler und Löwe gedacht. Die Segelschiffe “Greif” und “Greif von Ueckermünde” erinnern ebenso daran wie eine Vielzahl von kleineren Booten mit dem plattdeutschen Namen “Vagel Griep”. Auch wenn das Löwenhinterteil es nicht verheißen mag – es sind Vögel, die Eier legen. In der Bezeichnung Greif steckt mittig, konsonantisch umflügelt noch das “Ei”. Der vorderasiatischen Raum, wo Greife seit Jahrtausenden bekannt sind, kennt auch Darstellungen weiblicher Greife mit Zitzen. In Greifswald deutet das Wappen mit einem Baumzweig an, das der stets nervöse, stehende Greif dort in einem Nest des Waldes brütete. Immerhin fraß er Stadtkinder und lebte mit den Bürgern auf Kriegsfuß, weil diese die Vögel aus ihrem Nest vertrieben und dort die Stadt Greifswald gründeten.

Der Greif im Wappen der Stadt Rostock ist ruhiger und schreitet. Hat er doch seinen Frieden mit den Bürgern geschlossen. Weit über einhundert verschiedene Rostocker Greifenmotive zählte aktuell der Rostocker Hermann Peters, die Gartentorvarianten und Kanaldeckel nicht einberechnet. Und als es im Jahre 2016 darum ging, ein bronzenes Greifenpaar des Rostocker Künstlers ENEOS (Ené Slawow) in der Stadt zu platzieren, wussten die Rostocker instinktiv, dass diese als Wächter ans Steintor gehören. Hier sieht man noch an der Stadtseite des Tores über dem Durchgang, dass der frühe Greif wachsam aufrecht stand (links – seit so 1307 belegt) und später (rechter Greif – so als Siegelstempel seit 1367) entspannter wurde.

In den Wäldern um Rostock herum, wohl im Gebiet des heutigen Barnstorfer Waldes und der Rostocker Heide, lebten einst die Greifen. Und weil die Rostocker dort gründeten, wo die Greife nicht brüteten, zeigten diese sich dankbar und beschützten die Stadt. Während in der Frühzeit noch Fischgreife den Norden zur Ostsee hin sicherten, bewachten die Löwengreife die südliche Flanke, wo die steingepflasterte Straße zum Rathaus Feinde geradezu einlud, auf gutem Wege ins Rathaus zu marschieren. Um Feinde abzulenken, die diese Wundertiere fürchteten, malten die Rostocker einen großen Greifen an die Feldseite des Kröpeliner Tores. Die Greife jedoch warteten beim Steintor auf das Zeichen, um, die Stadtmauer überfliegend, sich auf die sofort fliehenden Reiter zu stürzen. Und die legendären Vierbeiner haben viele Male gesiegt. Erst die Abholzung der Wälder ließ die Greife ihre angestammten Brutplätze verlassen. Doch sobald es wieder grünt, kehren sie zurück …

Text: Hartmut Schmied, Die Rückkehr der Greife, in: Hanse Sail Magazin 2018, Seite 55 (Erstveröffentlichung dieser Gründungslegende von Rostock zum 800. Stadtgeburtstag 2018)

Die Rostocker Greifen Ros und Tock (Version für Kinder)

In einem fernen Land lebten zwei Greifen. Sie waren größer als Pferde. Kopf und Flügel waren die eines Adlers. Die Vorderbeine hatten gefährliche Krallen. Das Hinterteil sah aus wie das eines Löwen. Ros war so schön wie ein Rose und bekam daher schon als Greifen-Mädchen diesen Namen. Tock spielte als Greifen-Junge gern das Spiel Tock (mit Murmeln).

Ros und Tock waren gute Freunde. Als sie erwachsen wurden, wollten sie ein Nest bauen, Eier legen und Greifenbabys bekommen. Doch um sie herum war nur Wüste – Sand und Steine. Nirgends gab es einen TropfenWasser. So flogen sie wie die Störche in den Norden. Dort sollten große Bäume wachsen – mit Eicheln und Bucheckern zum Naschen.

Sie flogen dorthin, wo der Fluss Warnow die Ostsee traf. Hier war ganz viel Wasser. So bauten sie ein Nest in einem Wald. Ros legte drei goldene Eier. Eines Tages flog Tock zum Wildschweine jagen, denn beide hatten Hunger. Da kamen viele Männer mit Schwertern und Speeren. Sie wollten Ros die goldenen Eier wegnehmen. Doch Tock kam rechtzeitig angeflogen und sprach zu den Männern: “Wenn ihr uns die Eier lasst, dann werden wir euch beschützen.” Das gefiel den Männern und sie sagten ja.

Die Menschen bauten eine Stadt und um diese Stadt herum eine hohe Mauer mit großen Stadttoren. Wenn böse Reiter in die Stadt wollten, kamen Ros und Tock und halfen den Menschen. Auch die drei Greifenbabys wurden größer und flogen mit ihren Eltern. Kam ein Reiter mit seinem Pferd in die Nähe der Stadt, dann flog Tock los, ergriff beide mit seinen Krallen und warf sie in die Warnow. So machten es auch Ros und die Greifenkinder.

Damit keine bösen Reiter mehr kommen, malten die Menschen auf das Kröpeliner Tor mit weißer Farbe einen großen Greif. Auf das Steintor aber malten sie nur einen kleinen goldenen Greifen. So lockten sie die Reiter an. Die Greife aber stürzten hinter dem Steintor hervor, flogen auf und verjagten die Bösen.

Zu Ehren der Greife Ros und Tock nannten die Menschen ihre Stadt Rostock. Sie malten einen Greifen auf ihre Fahnen. Und noch heute findet man hunderte von Greifenbildern in der Stadt. Doch später brauchten die Menschen Holz zum Bauen für Häuser und Schiffe. Sie sägten einen Baum nach dem anderen ab. Die Greife konnten keine Nester mehr bauen. So flogen sie wie die Störche nach Süden. Wenn wieder viele Bäume um Rostock herum stehen, kommen sie vielleicht wieder.

Text aus: Hartmut Schmied, Die Rostocker Greifen Ros und Tock, in: Thomas Cardinal von Widdern, Hartmut Schmied, Hermann Peters, Der Rostocker Greif in seiner Vielfalt, Rostock 2018 (Erstveröffentlichung dieser Gründungslegende von Rostock für Kinder zum 800. Stadtgeburtstag 2018)

Bild: Bronzene Greifen Ros (links hinten) und Tock des Rostocker Künstlers ENEOS (Ené Slawow) vor dem Steintor in Rostock, Foto: Hartmut Schmied