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Rostock - Die Rostocker Aalschlange am Rathaus

Greifswald, Landkreis Vorpommern-Greifswald, Mecklenburg-Vorpommern

Waldesfrust im Greifenland

Im Süden Deutschlands sagt man, die Greife leben am Ende der Welt. Ohne Schiff ist an den Küsten Mecklenburg-Vorpommerns tatsächlich der Weg nach Norden versperrt. Die Hansestadt Greifswald liegt heute, anders als der Name vermuten lässt, nicht in einem Wald, sondern am Wasser. Südlich der Insel Rügen wurde der Greifswalder Bodden als Teil der Ostsee nach ihr benannt. Um 1150 wurde der Ort bei einer alten Salzquelle als deutsche Kaufleute- und Handwerkersiedlung in einem größeren Waldgebiet am Fluss Ryck angelegt und erhielt 1250 als Marktflecke Stadtrecht. Diese Stadtansiedlung wurde von den Zisterziensermönchen des 1199 gegründeten Klosters Eldena entscheidend gefördert.

Greifswald wurde 1281 Hanse- und 1456 Universitätsstadt. In der Überlieferung hieß der Ort schon 1248 »Gripheswald«. Das Stadtwappen zeigt einen aufrecht schreitenden Greifen mit einem Eichenstumpf darunter und bezieht sich damit auf die Gründungslegende der Stadt. Während auch Rostock und andere Städte dieses beliebte Wappen führen, wurde es für Greifswald namensgebend. Als Fabelwesen aus dem Orient ist der Greif von vorn ein Adler mit Pferdeohren und hat das Hinterteil des Löwen. Er gilt als Beherrscher der Lüfte und der Erde und kam wahrscheinlich über die Ordensritter in den Norden. Fossile Rhinozeroshörner und Straußeneier aus dem Morgenland wurden als Greifenklauen und -eier gedeutet. Damit konnte man selbst von den gefährlichen Abenteuern berichten und andere von dem Weg in die begehrten Länder abschrecken.

Auf antiken Darstellungen wird der Greif auch als säugendes Tier dargestellt. Im Norden heißt er niederdeutsch »Vagel Griep« (Vogel Greif; von »griepen«, also greifen) und legt Eier. Während es in den mündlich überlieferten Sagen des Landes von Drachen, Lindwürmern und Schlangen nur so wimmelt, ist der Greif im heimischen Volksglauben kaum verankert. Die Greifswalder Sage stellt also eine Seltenheit dar, die wohl auf literarischem Wege hier Eingang fand. Gern werden Boote und Schiffe auf diesen stolzen Namen getauft, als Wappentier der Pommernherzöge schafft es eine Verbindung zur angestammten Heimat und kam vielleicht sogar auf dem Seewege hierher.

Die Sage weiß von der Stadtgründung zu berichten. Während die zweite Namenshälfte von Greifswald historisch belegt ist, darf man der ersten Silbe mit gesunder Skepsis begegnen. Drei Versionen werden früh genannt. Dort, wo Greifswald steht, sollten (erstens) einst viele Seeräuber, die »auf gothisch Grife oder Gripe« gerufen wurden, gelebt haben. Einer zweiten Variante nach stammt der Name von einem ausgerotteten Raubrittergeschlecht der Gripes.

Die dritte Ableitung erzählt von der Stadtgründungsabsicht der Mönche von Eldena. Dort, wo sich heute in Greifswalds Altstadt die Straße Schuhhagen befindet, soll auf einem abgebrochenen Baumstamm ein Greif gebrütet haben. Das wurde als gutes Zeichen gedeutet und mit dem Stadtbau begonnen. Der Greif aber zog sich wegen des Lärms weiter in den Wald zurück. Doch ab und an kam er zurück und holte sich ein Menschenkind als Nahrung für seine Jungen, bis die Greifswalder Bürger den Nestbaum fällten, die Brut erschlugen und den Räuber auf immer vertrieben. Im Wappen wird an den Kampfesmut der Vorfahren erinnert.

Eine jüngere Sage (von 2018) berichtet über die Rostocker Greifen.

Wappenbegründung Greifswald: Das nach dem Siegelbild des SIGILLVM BVRGENSIUM DE GRIPESWOLD – erstmals 1308 als Abdruck überliefert – gestaltete und 1994 neu gezeichnete Wappen vereinigt ein Herrschaftszeichen, das Wappenbild der pommerschen Herzöge, mit einem Stadtzeichen. Greif und Baumstumpf versinnbildlichen als redende Zeichen den Namen der Stadt. Zugleich verweist der Greif auf den damaligen Stadtherrn. Von der zweiten Hälfte des 19. Jh. bis zur Mitte der 30er Jahre des 20. Jh. hatte die Stadt ein in Anlehnung an das SIGILLVM CIVITATIS DE GRIPESWOLD – als Abdruck aus dem Jahre 1262 überliefert – gestaltetes Wappen geführt: In Silber auf grünem Boden ein aufgerichteter, golden bewehrter roter Greif, mit dem rechten Fang einen abgebrochenen, aber grünenden Eichenstamm fassend. Danach war sie zwar zur traditionellen Wappengestaltung nach dem Siegelbild von 1308 zurückgekehrt, führte das Hoheitszeichen bis 1994 aber in etwas abgewandelter Fassung: In Silber ein aufgerichteter, schwarz bewehrter roter Greif mit untergeschlagenem Schweif über einem aus dem Unterrand wachsenden, gespaltenen natürlichen Baumstamm mit grünen Blättern.

Das 1994 neu gezeichnete Wappen wurde unter der Nr. 69 der Wappenrolle des Landes Mecklenburg-Vorpommern registriert.

Bild: Wappen von Greifswald (Quelle für Wappen und Wappenbegründung: Wikipedia „Greifswald“, gesehen am 26.11.2022)

Text aus: Hartmut Schmied, Geister, Götter, Teufelssteine. Sagen- & Legendenführer Mecklenburg-Vorpommern, 4. Auflage, Rostock 2022, Seite 51-53