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Rostock - Die Rostocker Aalschlange am Rathaus

Rostock, Mecklenburg-Vorpommern

Die Herrschaft der drei Birkhühner (Kirche Toitenwinkel)

Slawische und deutsche Familiennamen werden oft mit den Wappentieren in Zusammenhang gebracht. Die Kirche im Rostocker Stadtteil Toitenwinkel hat neben ihren außergewöhnlichen Wandmalereien eine Vielzahl von Wappen mit drei Birkhühnern vorzuweisen. Prof. Dr. Ernst Münch em. von der Universität Rostock (Historisches Institut, Mittelalterliche Geschichte) weiß darüber zu berichten:

„In der Toitenwinkler Kirche begegnet man mehrfach der Darstellung von drei Birkhühnern. Die älteste und zugleich größte Variante aus dem 14. Jahrhundert findet sich an der Ostwand des Chores. Die drei Birkhühner dokumentieren als Wappenbild der alten mecklenburgischen Adelsfamilie Moltke nicht nur das Moltkesche Patronat über die Toitenwinkler Kirche, sondern stehen gewissermaßen auch für die Herrschaft dieser Adelsfamilie im gesamten Toitenwinkel von der zweiten Hälfte des 13. bis zum Ende des 17. Jahrhunderts.

Für die alten mecklenburgischen Adelsgeschlechter, nicht selten slawischer Herkunft, finden wir häufig nicht nur „redende“ Wappen, also solche, bei denen das Wappenbild mit dem Familiennamen in Zusammenhang gebracht werden kann, sondern auch Tiere als Wappenbilder, deren slawische oder deutsche Bezeichnung als adliger Familiennamen wiederkehrt. So etwa bei den Malzahns (kleine Hasen), Hahns (Hahn), Rieben (Fisch), Behrs oder Bernstoffs (Bär), Bassewitz (der Basse ist ein starker Keiler), Voß (Fuchs) oder – im Grenzbereich zur Prignitz – Gans. Aus heutiger Sicht sind diese Wappenbilder mitunter von unfreiwilliger Komik.

So führten die Bützows und die mit ihnen stammverwandten Hoges einen Eselskopf im Wappen. Bevor man sich aber zu falschen Schlüssen verleiten lässt, sei darauf hingewiesen, dass ein Poppendorfer Bützow es im 16. Jahrhundert immerhin bis zur Bürgermeisterwürde in Rostock brachte. Auch für die Moltkes und ihre Birkhühner nimmt man einen Zusammenhang mit dem Familiennamen an. So existierte im Mittelalter auch eine mit ihnen stammverwandte Adelsfamilie, die den deutschen Namen Berkhahn trug.

Die Moltkes nahmen unter dem sogenannten mecklenburgischen Uradel, der seine Anfänge urkundlich bei ins 13. Jahrhundert oder noch weiter zurückführen konnte, im Mittelalter einen besonders bedeutungsvollen Platz ein. In Mecklenburg selbst hatten sie in den Regionen von Neubukow, Kröpelin und Schwaan über Rostock bis nach Ribnitz, Tessin und Gnoien zahlreiche Besitzungen und das Patronat über viele Kirchen. Bereits seit dem 14. Jahrhundert fassten sie aber auch in Schweden und Dänemark Fuß.

Hinsichtlich des Alters und der Geschlossenheit des Besitzes nahm Toitenwinkel nicht nur für die Moltkes, sondern den Adelsbesitz in ganz Mecklenburg eine herausragende Position ein und bewahrte sie über Jahrhunderte als eines der größten Adelsgüter Mecklenburgs. Nach einer sicheren urkundlichen Überlieferung befand sich der Toitenwinkel, der später bezeichnenderweise auch Moltkewinkel genannt wurde, bereits seit 1262 in Moltkeschem Besitz. Umgeben war er von den kurz zuvor zur Gesamtstadt zusammengeschlossenen drei Rostocker Teilstädten und dem riesigen Waldgebiet der Rostocker Heide.

Von der Bedeutung des Toitenwinkels auch für die Landesherren, damals noch die Fürsten von Rostock, zeugt auch eine der Deutungen des slawisch-deutschen Mischnamens Toitenwinkel. Mit Winkel wird eine Gegend, eine Region benannt, und der erste Teil des Ortsnamens soll die slawische Bezeichnung für Stute enthalten. Als „Garten der Rosse“ wird dieser Deutung zufolge die besagte Gegend als Reservoir für die fürstliche Pferdehaltung und -aufzucht interpretiert.

Auf jeden Fall gewannen die ersten Toitenwinkler Moltkes rasch einen maßgeblichen, nicht unbedingt positiven Einfluss auf die letzten Fürsten der Herrschaft Rostock. Zwar ging der Einfluss mit dem Fallen der Herrschaft Rostock an die Hauptlinie des mecklenburgischen Fürstenhauses zurück, dennoch blieben die Birkhühner für weitere drei Jahrhunderte das Symbol der sich gegen Rostocker und fürstliche Ambitionen zäh verteidigenden Moltkeschen Herrschaft im Toitenwinkel.“

Biologische Anmerkung: Die Birkhühner (Lyrurus tetrix) sind erst nach der Moltkeschen Linie im Lande ausgestorben. Sie sind seit den 1930er Jahren nicht mehr für Mecklenburg nachweisbar. Ein Birkhuhnpaar wird in der Zoologischen Sammlung der Universität Rostock aufbewahrt.

Text nach dem Heft von Ernst Münch, Hartmut Schmied, Wilfried Steinmüller „Sagen, Legenden und Geschichte – 3 x 7 Episoden aus dem Rostocker Raum“, 2., veränderte Auflage, Rostock 1999

Text: Ernst Münch, Ergänzung Hartmut Schmied (1999); Bild: Drei Birkhühner in der Kirche Toitenwinkel (Ausschnitt aus altem CRYPTONEUM von 1999), Foto: Hartmut Schmied